3. Das christliche Spanien Den Schluß habe ich den beiden Ländern vorbehalten, in denen die Stellung der jüdischen Gemeinde und die innere Entwicklung des klassischen Judaismus am wichtigsten war, nämlich das christliche Spanien (oder mehr noch die iberische Halbinsel einschließlich Portugal) und das Polen vor 1795. Politisch gesehen, hatten die Juden in den christlichen spanischen Königreichen die höchste Stellung, die sie je in einem Land (mit Ausnahme einiger der arabisch-iberischen kleinen Königreiche und unter den Fatimiden) vor dem 19. Jahrhundert erreichten. Viele Juden dienten offiziell als Schatzmeister der kastilischen Könige, als regionale und überregionale Steuereintreiber, als Diplomaten (Vertreter des Königs an fremden sowohl moslemischen als auch christlichen Höfen und sogar außerhalb Spaniens) und als Höflinge und Ratgeber der Herrscher und des Hochadels. Mit Ausnahme Polens hatte die jüdische Gemeinde in keinem anderen Land größere Machtbefugnisse über die Juden oder benutzte sie - einschließlich der Todesstrafe - so rigoros in der Öffentlichkeit. Seit dem 11. Jahrhundert war es in Kastilien üblich, Karäer (Angehörige einer jüdischen Sekte) durch Auspeitschen bis zum Tode zu bestrafen, falls sie keine Reue zeigten. Jüdischen Frauen, die sich mit Nichtjuden einließen, schnitten Rabbiner die Nasen ab und erklärten dabei, daß "sie auf diese Weise ihre Schönheit verliert und der nichtjüdische Geliebte sie hassen wird". Juden, die die Unverfrorenheit hatten, einen jüdischen Richter anzugreifen, hackte man die Hände ab. Ehebrecher wurden, nachdem sie durch das jüdische Viertel Spießruten laufen mußten, ins Gefängnis gesteckt. Bei religiösen Disputen schnitt man vermeintlichen Häretikern die Zunge heraus. Unter historischen Gesichtspunkten steht all dies im Zusammenhang mit der feudalen Willkürherrschaft und dem Versuch einiger weniger "starker" Könige, mit nackter Gewalt zu herrschen und die parlamentarischen Institutionen, wie die schon existierende Cortes, zu übergehen. In diesem Kampf war nicht nur der politische und finanzielle Einfluß der Juden, sondern auch ihre militärische Macht (zumindest im wichtigsten Königreich; in Kastilien) von großer Bedeutung. Ein Beispiel soll genügen. Sowohl die feudale Mißwirtschaft als auch der jüdische politische Einfluß in Kastilien erreichten ihren Höhepunkt unter Peter I. mit dem passenden Beinamen "der Grausame". Die jüdischen Gemeinden in Toledo, Burgos und anderen Städten dienten praktisch als seine Garnisonen in dem langen Bürgerkrieg zwischen ihm und seinem Halbbruder Heinrich von Trastámara, der nach seinem Sieg Heinrich II. (1369 bis 1379) genannt wurde. Derselbe Peter I. übertrug den kastilischen Juden das Recht, eine landesweite Inquisition gegen jüdische religiöse Abweichler einzurichten, und das 100 Jahre vor der Einsetzung der bekannteren Heiligen Inquisition der Katholischen Kirche. Wie in anderen westeuropäischen Ländern wurde das stetige Ansteigen des Nationalbewußtseins in der Monarchie, das unter dem Haus Trastámara begann und nach einigen Rückschlägen seinen Höhepunkt unter den Katholischen Königen Ferdinand und Isabella erreichte, zunächst von einem Verfall der Stellung der Juden und anschließend durch Volksbewegungen und Druck gegen sie mit anschließender Austreibung begleitet. Im ganzen schützten der Adel und die hohe Geistlichkeit die Juden. Eine feindliche Einstellung hegten die plebejischen Teile der Kirche und hier insbesondere die ins Leben der unteren Schichten eingebundenen Bettelorden. Die größten Feinde der Juden, nämlich Torquemada und der Kardinal Jiménez, waren aber auch große Reformer der spanischen Kirche. Sie beseitigten weitgehend die Korruption und stärkten die Bindung an die Monarchie, statt die feudale Aristokratie zu konservieren.
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A/ 1- Israel - ein Utopia für Auserwählte?
B/ 6- Vorurteile und Verfälschungen
C/ 12- Orthodoxie und Interpretation
D/ 23- Die Bürde der Geschichte
E/ 33- Gesetze gegen Nichtjuden
F/ 49- Politische Konsequenzen
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